Antwort auf Leser:innenbrief zu 48h Wilhelmsburg

Am 23. Juni veröffentliche der Wilhelmsburger Inselrundblick einen kritischen Leser:innenbrief zum 48h Festival, unserem Umgang mit Künstler:innen, dem Festivalbudget und vielem mehr. Einzusehen ist der Brief hier
Natürlich wollen wir gern auf die Kritik eingehen. Dies ist unsere Antwort, die am 20. August im Wilhelmsburger Inselrundblick veröffentlicht wurde: 
 

Liebe Renee, 

vielen Dank für deine offene Kritik in deinem Leser:innenbriefvom 23. Juni. Die Arbeit vom Netzwerk Musik von den Elbinseln lebt vom Engagement und genauso von den Auseinandersetzungen und Diskussionen in derNachbarschaft. Wir möchten gerne darauf eingehen. 

48h Wilhelmsburg zahlt keineMusiker:innengagen im herkömmlichen Sinne: Die Musiker:innen, die sich bei 48h Wilhelmsburg anmelden, bekommen eine Ehrenamtspauschale. Eine Aufwandsentschädigung, die definitiv einen eher symbolischen Wert hat, als dass eine Person davon ihren Proberaum bezahlen könnte. 50 € pro Kopf. Warum ist das so? 

48h Wilhelmsburg ist ein über die Jahre gewachsenes, nichtkommerzielles Nachbarschaftsfestival. Organisiert aus dem Stadtteil heraus. Zu 90 % finanziert aus Fördergeldern und Sponsoring. Die genaue Aufstellung und Aufteilung unserer Einnahmen haben wir Anfang des Jahres in einem Papier veröffentlicht, du kannst es dir hier herunterladen: https://mvde.de/geradejetzt/. 48h ist nicht einfach nur ein Musikfestival. 48h versucht, die Musik-und Kulturszene der Elbinseln abzubilden, zu aktivieren, zu vernetzen und über die Elbinseln hinaus bekannt zu machen. Dieses Jahr haben 136 Acts an 48 Ortengespielt. Ein so großes Projekt kostet eine Menge Geld. 2022 insgesamt 225.000 €. 

Was bezahlen wir alles von diesem Geld? 

Wir zahlen Personalkosten an die Menschen, die sich über das ganze Jahr darum kümmern, dass 48h umgesetzt werden kann. Z.B eine 20-Stunden-Stelle für unsere Produktionsleitung, die das Festival von der Anmeldephase bis zur Nachbereitung betreut und dafür sorgt, dass alles planmäßig abläuft. Außerdem fließen 15% des Gesamtbudgets in die Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation von 48h: Pressearbeit, Layout und Illustration aller Printmittel sowie Verteilung, Website und Social Media. 17% unserer Budgets geben wir für die Veranstaltungstechnik und Bühnen sowie die technische Betreuung vor Ort aus: Dieses Jahr waren das alles in allem 50.000 €. Für 48 Orte an einem Wochenende ist das sehr wenig. Dazu kommen noch etwa 6000 -7000 € Material und Infrastrukturkosten. Da 48h für die Veranstaltungen grundlegend die Gegebenheiten vor Ort nutzt und nur in Ausnahmefällen Bühnen baut, sind wir hier recht sparsam. Wir sperren nur bei Sicherheitsrisiken Areale mit Bauzaun ab. Dieses Jahr war der Puhsthof einer der wenigen Orte, an dem das der Fall war. Die Kosten für Bauzaun lagen dieses Jahr unter 500 €. 8 % des Gesamtbudgets von 48h sind Ehrenamtspauschalen für die vielen Menschen, die sich am zweiten Wochenende im Juni zusammenfinden, um ihr Nachbarschaftsfestival zu unterstützen. Das sind 2022 über 20.000 €. Von diesem Geld zahlen wir die Pauschalenfürunsere Produktionskräfte und die Musiker:innen. 

Viele Menschen aus ganz Hamburg und Umgebung kommen am 48h-Wochenende nach Wilhelmsburg. Sie können die Musikszene des Viertels und den Stadtteil entdecken und müssen keinen Eintritt dafür zahlen. Sie unterstützen die lokale Gastronomie automatisch (denn 48h baut keine Foodstände auf) und können ihre Unterstützung für das Festival monetär durch den Kauf von Supporter:innen-Bändchen (an 48h) UND die Hutspende bei den Konzerten (an die Musiker:innen) zeigen. 

Und hier kommen wir zum Knackpunkt: Uns ist bewusst, dass die Musik-und Kulturszene ein wirtschaftlich sehr prekärer Bereich ist. Für Musiker:innen, Künstler:innen, Kulturschaffende und Veranstalter:innen. 48h Wilhelmsburg ist auf null kalkuliert. Wir machen keinen Gewinn mit der Veranstaltung, sondern haben in den vergangenen Jahren ein (mal mehr und mal weniger großes) Minus eingefahren, dass das Bürgerhaus am Ende tragen musste. Wir sind, genau wie die vielen Musiker:innen, die auf den 48h-Bühnen stehen, darauf angewiesen, dass unsere Besucher:innen uns wirtschaftlich unterstützen. Mit dem Betrag, den sie geben können,bei den Konzerten für die Musik und mit dem Kauf eines Supporter:innen-Bändchens für die gesamte Organisationsstruktur und das Netzwerk. 

48h Wilhelmsburg ist (leider) keine Gelddruckmaschine. Auch wenn viele Menschen an diesem Wochenende im Viertel unterwegs sind und es vielleicht diesen „kommerziell erfolgreichen“ Eindruck vermittelt. 

Mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, sind wir auf ehrenamtliches Engagement aus der Nachbarschaft und von den Musiker:innen angewiesen, dass wir wenigstens symbolisch entlohnen wollen. Das Hutgeld am Ende des Konzerts kommt obendrauf und sorgt bestenfalls für einen angemessenen Bonus. Wir geben jedes Jahr unser Bestes, alle Teilnehmer:innen von 48h Wilhelmsburg für dieses Konstrukt zu sensibilisieren und deutlich zu machen: 48h und die vielen Konzerte sind nicht für lau! Das Festival funktioniert nur, wenn die, die können, ihren Beitrag dazu leisten, damit am Ende alle ein Wochenende lang die Musik und Nachbarschaft auf den Elbinseln feiern können. 

Dieses Finanzierungskonstrukt ist mit Sicherheit nicht perfekt. Wir werden auf unserer teaminternen Manöverkritik über das Thema „Musiker:innenbezahlung“ sprechen und überlegen, wie wir diese fairer gestalten können. Schick uns dazu gerne Ideen oder Vorschläge, falls du dir dazu schon Gedanken gemacht hast. 

Auch wenn ein 48h Konzert eher eine Soli-Show für den Stadtteil ist, versuchen wir die Musiker:innen auf den Elbinseln auf anderen Wegen zu supporten:

  • Öffentlichkeitsarbeit: Mit einer breit angelegten Kampagne machen wir auf allen Kanälen Werbung für das 48h-Programm und für die teilnehmenden Musiker:innen. Auch über das Veranstaltungswochenende hinaus.
  • Wir schaffen mit 48h eine professionelle Bühne und eine große Öffentlichkeit für alle Musiker:innen die teilnehmen möchten, egal ob Profi-oder Hobbymusiker:in.
  • Beim 48h Merchkiosk gibt es die Möglichkeit für alle Musiker:innen, ihre Fanartikel in den Verkauf zu geben.
  • Wir sind das ganze Jahr über Ansprechpartner:in und Unterstützer:in musikalischer Projekte im Viertel und versuchen stets, auf die Bedarfe im Stadtteil einzugehen.
  • Wir arbeiten das ganze Jahr daran, das musikalische Netzwerk zu pflegen und auszubauen.
  • Wir sind eine Instanz, die sich politisch stark macht für die Kultur-und Musikszene des Stadtteils.

 

Kommt bei Fragen, Anregungen und Kritik gerne auf uns zu. Denn wie in jeder Familie, darf auch im Netzwerk Musik von den Elbinseln und in unserer Nachbarschaft mal gestritten werden. 

Sonnige Grüße aus dem Bürgerhaus,
das 48h Team